Habenicht, Leben mit leichtem Gepäck

Habenicht, Uwe, Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität.
Würzburg (Echter) 2018

 

Zunächst einmal: das Buch macht Mut. Als einer der wenigen in der Kirche Aktiven schlägt der evangelische Pfarrer Uwe Habenicht einen anderen Weg spiritueller Praxis vor, als die in den Kirchen meist praktizierten Wege, nämlich Katechese, Gottesdienst und Sakramentenempfang. Dies ist in Zeiten an manchen Stellen praktizierte „Gegenreformation zur Moderne“ ein bemerkenswerter und absolut zu befürwortender Ansatz. Hier will einer mehr Freiheit, wo andere gängeln, mehr Möglichkeiten und weniger Eindeutigkeiten, mehr Spiritualität des Alltags als eine des Sonntags. Gedankenleitend sind für ihn fünf Grundelemente: Beschränkung aufs Essentielle, spirituelle Übung, Autonomie, Gemeinschaft und Sensibilität für die Wunden der Gegenwart (S.72-24).

Um nun eine minimalistische Spiritualität zu entwickeln, packt Habenicht einige Autoren ins Gepäck. Aus gegenwärtiger Philosophie und Soziologie liest er u.a. Sloterdijks „Du musst Dein Leben ändern“ und Rosas „Resonanz“, ergänzt durch Taylors „Quellen des Selbst“, um zu erläutern, dass praktizierte Religiosität kein Exklusivraum gottgläubiger Menschen ist, sondern einem tief innen sitzenden „Naturgesetz“ von Menschlichkeit entspringt, über sich hinaus zu denken und damit Selbsttranszendenz zu betreiben. Aus der Theologiegeschichte bemüht er als Gewährsmänner seines Ansatzes die heiligen Wüstenväter und -mütter, Luther, Bonhoeffer und Frère Roger, um seinen Ansatz auch kirchlich einzubetten.

Das ist interessant, und mit manchem würde man sich gern ausgiebiger beschäftigen. Alles soll aber nur den Boden bereiten für ein bestimmtes Konzept einer zeitgemäßen, offen gehaltenen Spiritualität. Auch seine Beschreibung „Albergo Diffuso“, die der reformierte Theologe Jan Hendriks entwickelt hat und in dem viele ganz unterschiedlich suchende Menschen ihre ganz persönliche Spiritualität unabhängig von ihrer Religions- und Konfessionszugehörigkeit leben können sollen, dienen dem Frieden des Einzelnen und der Religionen untereinander. Ich vermute, der Autor hat in einer solchen „Albergo“ bei seinem Italienaufenthalt selbst wichtige spirituelle Erfahrungen gemacht.

Bei aller Wertschätzung und Solidarität mit einem Theologen, der einen Ausweg aus den selbstreferenziellen, zum Selbstmitleid neigenden Kirchen sucht, denen die Gottesdienstteilnehmer abhandenkommen: Habenicht ist noch auf dem halben Weg zu einem „Leben mit leichtem Gepäck“.

In dem für den Titel des Buches zitierten Gedicht „Mit leichtem Gepäck“ von Hilde Domin aus dem Jahr 1962 geht es darum, wenn ich es richtig verstehe, mit Blick auf den Tod, sich darüber im klaren werden, was es zum intensiven Leben braucht: Ihr Vorschlag: „Einen Löffel, eine Rose, vielleicht ein Herz, und, vielleicht, ein Grab.“ Meines Erachtens macht es sich der Autor viel schwerer, als es ist, einfach-spirituell zu leben. Der Blick auf die eigene Endlichkeit ermöglicht tatsächlich ein einfaches Leben, und jenseits von Meditationsübung, Schriftlesung, Morgen- und Abendgebet – wie im Buch vorgeschlagen – eine einfache Spiritualität. Er spricht dies ja auch an. Aber Habenicht hat noch nicht Mut genug, noch mehr wegzulassen, sondern meint, sich mit anderen, größeren Geistern einreihen zu müssen. Dabei besteht die minimalistischste Spiritualität darin, dass das Leben selbst Spiritualität ist und gleichzeitig ihre Übung.

Ob es dann alle fünf oben beschriebenen Elemente noch braucht, kommt auf das Bedürfnis des einzelnen an. Bedingungen spirituellen Vorankommens sind jedenfalls die Praxis aller dieser Elemente nicht, sondern – so würde ich es ausdrücken – die subjektiv empfundene innerste Verbindung mit allem Geschaffenen. Alles andere kann weg.

Danken möchte man dem Autor dafür, wieder einmal daran erinnert worden zu sein, wohin die Reise gehen kann, wenn man sich auf diesen Weg begibt. Und dass man ahnt, dass von all dem, was er als elementar für eine minimalistische Spiritualität ansieht, später einmal, wenn wir noch weiter fortgeschritten sind auf dem Weg, noch etwas mehr aus dem Gepäck wegkann. Bis wir selbst uns auflösen ins ewige Werden und Vergehen.

 

Dr. Andreas Heek

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