5. Fastensonntag

Auf(er)stehen heute.
Eine Verheißung des Propheten Ezechiel

Kürzlich erinnerte Heribert Prantl beim Staatsakt für die jüngst verstorbene ehemalige Bundesministerin und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth an eines ihrer bedeutsamsten Lebensmottos: „Scheitern, weitermachen, nochmals scheitern, besser scheitern, weitermachen.“ Tatsächlich liest sich der politische Lebenslauf dieser streitbaren Katholikin und politischen Feministin wie die fortwährende Verlebendigung einer Widerständigkeit, die sich nicht abfinden will mit den vielen Querschüssen auch ihrer eigenen Partei – einer CDU, die viele ihrer Reformideen der 1980er und 1990er-Jahre wie eine fortschrittliche AIDS-Politik, eine liberale Haltung zur Abtreibung, die Gleichstellung der Geschlechter oder die Integration von Zugewanderten am liebsten sofort beerdigen wollte. Viele dieser schnell totgesagten Projekte konnte sie zusammen mit vielen Mitstreiter:innen innerhalb und außerhalb des Parlamentes mit ihrer Beharrlichkeit und hoffnungsfrohen Ausdauer dann doch zum Leben erwecken – heilsam für die Betroffenen, heilsam für die politische Kultur unseres Landes.

An diesen für mich sehr bewegenden Staatsakt im Berliner Reichstagsgebäude musste ich sofort denken, als ich die Verheißung des Propheten Ezechiel las: „Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. (…) Ich gebe meinen Geist in Euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden.“ (Ez 37, 12b;14a) Es ist die Zeit des babylonischen Exils, in die hinein Ezechiel spricht – eine Zeit, in der viele Israeliten ihre Hoffnung auf eine Rückkehr ins gelobte Land, auf ein Leben in selbstbestimmter Freiheit längst aufgegeben und zu Grabe getragen haben. Gegen diese tödliche Lähmung setzt der Prophet die lebensspendende Verheißung neuer Hoffnung: Durchhalten, Rückschlag, weiter Durchhalten, besser Durchhalten, wieder Rückschlag, dennoch Aufstehen, Aufbruch, Freiheit – immer neu vom befreienden Geist Gottes beseelt.

Ich gestehe freimütig: Die gegenwärtige Weltlage lässt mich oftmals in der Stimmung der Israelit:innen im babylonischen Exil zurück. Krieg, Terror, Umweltzerstörung und die Rücknahme menschenrechtlicher Standards an beinahe allen Orten. Und vor allem: die hässliche Fratze toxischer Männlichkeit – fast tagtäglich zu sehen in den Nachrichten der Tagesschau. Was nützt all das Engagement gegen rechts oder für den Klimaschutz, wenn dem die Zeitzeichen so zuwiderlaufen? In solch tödlicher Stimmung wecken Ezechiel und Rita Süssmuth in mir dann aber neue Lebensgeister. Jedenfalls habe ich beschwingt das Gebäude des Reichstags verlassen. Also: Scheitern, Durchhalten, wieder Rückschlag, dennoch Durchhalten – in jedem Fall nicht Unterkriegenlassen, sondern immer neu Aufstehen. So nahe an Ostern ist das ein erstes Auferstehen im Hier und Heute.

Andreas Lob-Hüdepohl, Berlin

Bild: von palle1958 über pixabay



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