4. Fastensonntag

„Schau hin!“ – Wenn ich auf die Plakate zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz blicke, sehe ich immer öfter Emotionen statt Informationen. Kantige Sätze wie „Freiheit statt Maulkorb“ oder „Wir regeln das“ versprechen einfache Lösungen. Ich merke, wie verführerisch das ist. Gerade junge Männer scheinen davon besonders angesprochen, vielleicht weil sie in einer widersprüchlichen Welt nach Ordnung suchen. Ansage, Stärke, Durchgriff. Das hat etwas Entlastendes und erleichtert es, Widersprüchliches auszuhalten.


Im Johannesevangelium fragen die Jünger beim Anblick eines Blinden: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern?“ (Joh 9,2). Eine klare Ursache und klare Schuldige, entweder der Blinde selbst oder seine Eltern. Doch Jesus entzieht sich dieser Logik. Er verweigert die einfache Antwort. Er schaut hin und eröffnet einen anderen Blick: nicht Schuldzuweisung, sondern die Frage, wie Gottes Wirken gerade hier sichtbar werden kann.


Heiko Hauger schrieb am 1. Fastensonntag von der Versuchung, „andere in Schubladen zu stecken“. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie schnell ich in Schubladen denke. Schaue ich wirklich hin? Oder bestätige ich nur meine eigenen Vorstellungen? 


Fasten heißt für mich in diesem Jahr: auf vorschnelle Urteile verzichten. Die eigenen Reflexe prüfen, hinschauen, auch wenn es weh tut, und aushalten, dass Wirklichkeit komplex ist. Gott gerade dort suchen, wo keine einfachen Antworten warten.


Wo lasse ich mich von Parolen einfangen? Wo weiche ich unbequemen Wahrheiten aus? Und wo bin ich bereit, wirklich hinzusehen: auf mich selbst, auf andere, auf diese Welt und auf Gott?


Christopher Jakob

Bibeltext: Joh 9,2
Bild von Lollorome über pixabay



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