Braconnier, Väter & Töchter.

Alain Braconnier, Väter & Töchter. Eine prägende Beziehung verstehen. Kreuz, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-7831-3031-7. 254 Seiten, € 19,95.

 

Zum Thema Väter und Söhne sind mittlerweile einige Bücher erschienen. Dass aber Väter auch für ihre Töchter eine entscheidende Rolle spielen – und dass die Beziehung zu ihren Töchtern auch die Väter stark prägt –, könnte man dabei leicht übersehen. Umso wertvoller ist das Buch des Pariser Psychologen Alain Braconnier, das gerade dieses spannende Verhältnis in den Blick nimmt.

Das Buch rollt die Vielschichtigkeit und die verschiedenen Ausprägungen der Vater-Tochter-Beziehung auf. „Komplexität, Subtilität und starke Veränderungen über die Zeit sind charakteristisch“ (S. 165; im Original kursiv). Schon im Eingangskapitel zeigt Braconnier eine Reihe verschiedener Väter- und Töchtertypen. Er schildert dabei auch verschiedene Problemfälle – den unnahbaren und den autoritären Vater ebenso wie die unselbständige Tochter; doch prägt das Buch insgesamt die Hoffnung, auch in schwierigen Beziehungskonstellationen eine Lösung zu finden, und eine positive Grundhaltung: „Jede Geschichte ist einzigartig, aber fast immer findet man bei den Mädchen und Frauen die Vorstellung, ihr Vater sei der Beste und immer für sie da“ (S. 14).

Wie aber entwickelt sich diese Beziehung? Das zweite Kapitel geht dem nach – von der Geburt der Tochter bis hin zur erwachsenen Frau. Braconnier verweist dabei auf typische Probleme und gibt wertvolle Tipps. Natürlich stellt sich ihm dabei auch die Frage, wie die Rollen von Vater und Mutter gegenseitig zu gewichten sind. Seiner Meinung nach spielt der Vater in die Mutter-Kind-Beziehung schon viel früher und wesentlicher hinein, als mancher annimmt.

Und selbst, wenn aus der Tochter eine erwachsene Frau geworden ist, besteht die Vater-Tochter-Beziehung weiter fort. Auch mit ihren problematischen Seiten, von denen die beiden nächsten Kapitel handeln. Etwa, wenn der Vater seine Tochter zu sehr liebt und sie nicht loslassen kann. Oder wenn ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Vater die Tochter dabei behindert, eine gute Partnerschaft mit einem Mann einzugehen. Braconnier übergeht auch nicht die Leiden, die inzestuelle Verhaltsweisen von Vätern hervorrufen.

Aber auch abseits solcher extremen Verletzungen tun sich Väter und Töchter oft schon schwer genug, einen offenen Dialog untereinander aufrechtzuerhalten. Obwohl das nicht nur für die Töchter sehr wichtig ist: „Wenn man seinen Vater versteht, kann man die Männer mit ihren Stärken und Schwächen insgesamt besser verstehen“ (S. 214). Doch alles im rechten Maß: Schon allein durch den Geschlechtsunterschied werden Vater und Tochter sich gegenseitig immer etwas geheimnisvoll bleiben – was laut Braconnier völlig berechtigt ist. Er gibt dann aber zahlreiche Ratschläge, wie das gegenseitige Verständnis gefördert und vorhersehbare Hemmnisse vermieden werden können.

Das Schlusskapitel stellt einem prominenten Beispiel aus der Vergangenheit – Sigmund Freud und seine Töchter – einige Gedanken zur gegenwärtigen Situation gegenüber. Braconnier begrüßt es, dass sich viele Männer heute wesentlich intensiver um ihre Kinder kümmern als ihre eigenen Väter: „Diese starke Beteiligung am Alltagsgeschehen kann sich nur vorteilhaft auf ein Mädchen auswirken“ (S. 218).

Das Buch ist flüssig zu lesen und nicht mit psychologischer Fachterminologie überfrachtet, auch wenn man deutlich merkt, dass es ein Psychoanalytiker geschrieben hat. Für Anschaulichkeit sorgen besonders die zahlreichen Beispiele aus Braconniers Praxis, die das ganze Buch durchziehen. Angesichts der Fülle von Beziehungskonstellationen, die das Buch behandelt, ist zu wünschen, dass es vielen Vätern und Töchtern hilft, sich gegenseitig besser zu verstehen.

 

Martin Hochholzer

 

 

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