Thurnwald, „Fromme Männer“.

Andrea K. Thurnwald, „Fromme Männer“. Eine empirische Studie zum Kontext von Biographie und Religion. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2010. ISBN: 978-3-17-021308-1. 352 Seiten.

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass die kirchliche Männerarbeit vor fünf Jahren eine qualitative Studie zu „kirchenfernen“ Männern in Auftrag gegeben hat (zur Studie „Was Männern Sinn gibt“ vgl. unsere Berichterstattung in MidK 1/2005 und die Besprechung der Buchveröffentlichung zwei Jahre später in MidK 2/2007, S.33), während etwa in dieser Zeit eine Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikern – wenn auch mit einem profiliert evangelischen Background (vgl. die biographischen Notizen auf S.118f.) – an einer Forschungsarbeit über „kirchennahe“ resp. kirchlich engagierte Männer sitzt. Deren Denkweise, Selbstverständnis und Frömmigkeit sucht sie in qualitativen Interviews herauszufinden und reicht das ganze schließlich an einer philosophischen Fakultät, nämlich der der Friedrich-Schiller-Universität Jena, als Dissertation ein. Im Übrigen standen Martin Engelbrecht, der Autor der Sinnstudie, und die Verfasserin der vorliegenden Studie in einem durchaus engen fachlichen Austausch, wie dem Vorwort zu entnehmen ist und sich bei weiterer Lektüre noch mehr erschließt. So ist es auf jeden Fall zu begrüßen, dass zwei Jahre nach der Promotion die Dissertation jetzt im renommierten Kohlhammer-Verlag erscheinen kann. Doch sind damit für mich nach der Lektüre zumindest drei Wermutstropfen verbunden. Zum ersten hat die Verfasserin ihre Interviews ausschließlich mit evangelischen Männern geführt. Es wäre nun in der Tat spannend gewesen, durch Einbeziehung „kirchenfrommer“ katholischer Gesprächspartner einmal zu schauen, welchen Einfluss konfessionelle Prägungen (überhaupt noch?) bei Männern haben. Zum zweiten wurden die Interviews zwischen 1998 und 2001 geführt, liegen also zum Teil mehr als zehn Jahre zurück und spiegeln natürlich gesellschaftliche und kirchliche Realitäten der Jahrtausendwende. Ob sich diese nahtlos mit der Lebenswirklichkeit und den Selbstverständnis heutiger „kirchenfrommer“ Männer decken, ist zumindest eine kritische Nachfrage wert. Dies umso mehr, da wir aus der zweiten Männerstudie „Männer in Bewegung“ mittlerweile wissen, welche Veränder-ungen im Verhältnis zu Religion und Kirche bei Männern eingetreten sind. Das führt zum dritten Wermutstropfen. Zwar enthält das Buch einen sehr ausführlichen Forschungsüberblick zum gesamten Komplex Männer, Geschlecht und Religiosität. Literatur nach 2008 ist aber für die Veröffentlichung nicht mehr eingearbeitet worden. Gerade mit Blick auf die zweite Männerstudie mit ihren spannenden religionssoziologischen Daten finde ich das ausgesprochen schade!

Was bleibt also? Zum einen öffnet die Arbeit den Blick und die Horizonte für neue Fragestellungen und For-schungsdesiderate, die eben nicht nur Kulturwissenschaftler und Geschlechterforscher interessieren, sondern auch Selbstverständnis und Praxis kirchlicher Männerarbeit tangieren. Die Verfasserin benennt einige solcher Fragen prägnant in ihrer Zusammenfassung (S.326ff). Es lohnt sich in der Tat, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Zum anderen aber lohnt es sich ebenso, einmal in Ruhe in die einzelnen Interviews „einzutauchen“, diesen Männern bewusst zuzuhören, die „Normalität“ ihres Lebens, ihr kirchlichen Engagement, ihre Form gelebter Spiritualität und ihre Vorstellungen von Männlichkeit mit Respekt und Neugierde wahrzunehmen. Ob man dabei der angebotenen Typisierung in „entschiedene“, „traditionelle“, „suchende“ und „genderbewusste“ Christen (vgl. S.115f) folgen will oder nicht, ist dabei eher sekundär. Und manchmal ist – das gebe ich gerne zu – auch etwas zum schmunzelnden Nachdenken dabei, wenn etwa einer der befragten Männer für die ökumenische Begegnung die Losung herausgibt „Die Liebe dem katholischen Menschen, aber Vorsicht vor der katholischen Kirche!“ (S.167). Was dieser Mann wohl heute sagen würde?

 

Andreas Ruffing

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