Seidel, Für eine Kultur der Anerkennung

Seidel, Stefan, Für eine Kultur der Anerkennung. Beiträge und Hemmnisse der Religion. Würzburg (Echter) 2018.

Exklusionsdiskurse im Namen des „christlichen Abendlandes“, angeführt vom rechten Rand des politischen Spektrums angesichts von Geflüchteten und Migranten, die Rede von einer „Leitkultur jüdisch-christlicher Prägung“ in der politischen Mitte und die diffuse Klassifikation von „Ungläubigen“ in fundamentalistisch christlichen und muslimischen Kreisen erhitzen die Gemüter hierzulande seit mindestens 2015. Da erhält das Diktum vom „Kampf um Anerkennung“ von Axel Honneth, Sozialwissenschaftler aus Frankfurt, dessen gleichnamiges Grundlagenwerk 1992 erstmals und 2014 in der achten Auflage erschien, neue Aktualität. Dies hat auch Stefan Seidel erkannt, Autor des zu besprechenden Buches. Er strebt eine Fokussierung auf die Rolle der Religion im Diskurs um Anerkennung an. Als Theologe, Psychologe und Journalist möchte er den Schatz des Begriffs der „Anerkennung“ theologisch heben und wagt es, einen großen Bogen zu schlagen, um den Begriff einzuholen: sozialphilosophisch, psychoanalytisch und schließlich theologisch.

Der Begriff „Anerkennung“ im Honneth‘schen Sinne zielt auf die Erkenntnis, dass die Individualität jedes Menschen der Anerkennung wert ist. Dies sei die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Nationen und Völkern. Anerkennung könne aber nur derjenige anderen entgegenbringen, der sich selbst als anerkannt empfindet. Diese scheinbar einfache und direkt einleuchtende Tatsache wird jedoch dann kompliziert, wenn man den psychischen Reifegrad und die sozialen Bedingungen ermisst, die dieser Einsicht zugrunde liegen. Zurzeit nämlich erlebt die Gesellschaft die Offenkundigkeit des Entzugs von Anerkennung: Arbeitslose, ostdeutsche „Vereinigungsverlierer“, Sozialhilfeempfänger zum Beispiel. Wer schon einmal arbeitslos war und bei der Agentur für Arbeit vorsprechen musste, bekommt direkt einen Eindruck davon, dass diese Arbeitslosigkeit nicht zuerst als Schicksal, sondern latent missachtet wird. Der Arbeitslose verliert seine Würde, weil er sich als Almosenempfänger empfindet und nicht als Bürger erster Klasse – wie jeder andere Bürger auch. Und damit erklärt sich auch, warum gerade so viele wütende Männer auf die Straße gehen und Geflüchteten wiederum ihre Würde absprechen. Von Populisten werden diese nicht anerkannten Menschen instrumentalisiert, indem ihnen qua Zugehörigkeit zum „deutschen Volk“ eine Quasi-Anerkennung zugesprochen wird, ohne jedoch ein Konzept dafür anzubieten, wie diese Menschen außerhalb der „Volkszugehörigkeit“ Anerkennung ihrer Würde als Bürger erlangen können: indem nämlich die sozialen Verhältnisse so werden, dass in einem der reichsten Länder der Erde, Deutschland, keine „Tafeln“ geben muss, in denen sich Deutsche, Geflüchtete und sonstige Migranten um altes Gemüse streiten müssen.

Psychisch, dies zeigt Seidel anhand von zum Teil klassischen Konzepten der Psychoanalyse eindrucksvoll auf, setzt die Anerkennung des Anderen die Auflösung der frühkindlichen Symbiose mit der Mutter voraus. Ist diese nicht vollzogen, wird der und das Andere außerhalb dieser Symbiose als fremd, feindlich und angstmachend erlebt. Die Tendenz zum Narzissmus wird damit grundgelegt. Die nicht anerkannte Tatsache, dass außerhalb von mir das Andere mit vielen Unberechenbarkeiten und Variablen existiert, kann dann nicht zugelassen werden.

Was das alles mit Religion zu tun hat? Da, wo diese mitmacht bei Spaltung, Ab- und Ausgrenzung, leistet sie einen Beitrag zur Aberkennung vom grundlegenden Menschenrecht, zu sein, und in diesem Land, ein Bürger bzw. eine Bürgerin. Dann stützt sie die psychisch unreifen Anteile in Menschen. Dort aber, wo sie ihr ureigenstes Potential hebt, nämlich die unbedingte Nächstenliebe, die eine gereifte Selbstliebe zur Voraussetzung hat, kann sie einen wichtigen Beitrag zu einer Kultur wertschätzender Anerkennung leisten.

„Kann“ und „könnte“ sind aber Hilfsverben, die Seidel des Öfteren verwendet. Und das Konjunktivische darin ist auch eine gewisse Schwäche des Buches. Man wünschte sich mehr von einem theologischen Konzept, das über das etwas traurige Psychoanalytische hinausgeht, dass der Religion die Rolle eines „Übergangsobjektes“ zugesteht, bei der der Mensch religiöse Praxis als eine Art „Schnuffeltuch“ für die zeitweise abwesende Mutter nutzt (S.100).

Überhaupt führt eine wie auch immer geartete Suche nach der „Funktion“ der Religion nicht in die Tiefe. Theologisch-systematisch müsste vielmehr gezeigt werden, dass Gott dynamische Beziehung ist. Starre Gottesbilder wie „Vater“; (wenn auch guter) „Hirte“, „Herr(scher)“, auch „Schöpfer“ müssten hermeneutisch neu, anders, zeitgemäß erschlossen werden. Gott – dieser wunderbar schillernde Begriff – wird damit Teil der Kultur der Anerkennung, als Anderes als das Ego des Menschen, als Anderes, als der Mensch selbst. Wenn Gott aber zu einer Art fluiden Größe wird, der im Emmaus-Sinne ein mitgehender Gott ist, dann würde Gott sich in der „Beziehung zwischen“ sozusagen auflösen, deren Modus Liebe ist (S.155).

Leider hat sich Seidel nicht stärker diesen explizit theologischen Gedanken gewidmet. Davon hätte man mehr Anregendes lesen wollen, was aber, vor allem in den letzten Kapiteln, doch andeutungsweise geschieht. Ich hätte ihm mehr Mut gewünscht, an einer neuen Theologie mitzuarbeiten, das unter anderem darin besteht, Gott nicht dualistisch zu denken, sondern als inhärent in jeglichem Geschehen unter dem Himmel.

„Anerkennung“ als Topos der Theologie wieder neu in die Diskussion eingespeist zu haben, ist allerdings die verdienstvolle Leistung dieses lesenswerten Buches. Mir hat es gezeigt, dass es höchste Zeit ist, dass sich Theologie selbstbewusst und leidenschaftlich in den gesellschaftlichen Diskurs hineinbegibt und selbstreferenzielle Diskurse, gespeist von Resignation und Selbstmitleid über vermeintlichen Bedeutungsverlust, überwindet. Das Buch gibt genügend Anhaltspunkte für diese neue Theologie, die Mut und neugierig machen.

Dr. Andreas Heek

Leiter Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen e.V., Düsseldorf

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