Fastenimpuls -Palmsonntag

Wenn heute nicht Palmsonntag wäre, würden wir das Hochfest „Verkündigung des Herrn“, auch landläufig „Mariä Verkündigung“ genannt, feiern. Es wird in diesem Jahr am Montag nach dem Weißen Sonntag nachgefeiert. Neun Monate vor Weihnachten, also am 25. März, wurde Maria in Nazareth von Gabriel, dem Boten Gottes, angetragen, Mutter des Messias zu werden.

Zu diesem Fest kommt mir immer eine gotische Statue in der Basilika zu Weingarten in Oberschwaben in den Sinn. Sie wird bezeichnet: „Die hörende Muttergottes“. Ich nenne sie gern „Maria mit dem großen Ohr“. An dieser Darstellung fällt auf, dass Maria ein übergroßes Ohr hat. Ihr Gesicht, ihre Augen und das Ohr lassen darauf schließen, dass sie ganz aufmerksam und nachdenklich – konzentriert auf eine Stimme hört. Zu dieser Marienplastik passt „Der Hörende“ von dem Künstler Ernst Barlach. Beide Darstellungen zeigen, wie wichtig das Ohr und das Hören sind. Sie machen deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, äußerlich zu hören, sondern dass das Hören mit dem Ohr unser Herz, unser Innerstes, unser Leben erreichen muss; wir sollen auch nicht auf alles hören, sondern nur aufnehmen, was sich zu hören lohnt, was sowohl unser eigenes Leben als auch das der Mitmenschen bereichert.

Maria hatte ein großes Ohr und Herz für das Leben der Menschheit. Sie hat diese bekommen als „Frau aus dem Volk Israel“, das jahrhundertelang auf die Ankündigung des Messias wartete, der Heil und Rettung bringen wird.

Das äußere und innere Ohr ist das Organ im Menschen, das die Worte von Menschen und das Wort Gottes bei sich einlässt. Damit das Ohr „ganz Ohr sein“ kann, wie wir sagen, muss die Zunge schweigen. Ohr und Zunge sind insofern voneinander abhängig, dass sie nicht gleichzeitig gebraucht werden können. Wer die Zunge bewegt, kann nicht richtig (zu)hören und wer zuhören will, der muss die Zunge ruhen lassen.

Die Jüngerinnen und Jünger Christi sollen, wie Jesus selbst, die Menschen stärken und ihnen ein aufmunterndes Wort sagen. Das geht nur, wenn sie zuvor das Ohr geöffnet haben für Jesus Christus und für die Mitmenschen. So werden sie fähig, den Menschen zu nützen. Mariä Verkündigung, die Muttergottes mit dem großen Ohr und Palmsonntag haben vielleicht mehr miteinander zu tun als wir meinen. Palmsonntag ist ein lauter Tag. Das Volk jubelt Jesus mit „Hosianna, dem Sohn Davids“ zu, was es aber schnell wieder vergisst. Am Karfreitag schreien die gleichen Menschen dann „Kreuzige ihn!“ Wenn die Zunge redet, bevor das Ohr richtig hingehört hat, kann sie viel Unheil anrichten – undurchdacht, unwahrhaftig, doppelzüngig sprechen. Erst Ohr, dann Zunge, erst hören dann reden! Von Maria können wir hören und dann sprechen lernen, was Gutes wirkt. Palmsonntag mit Karfreitag zeigen hingegen, was passiert, wenn geredet oder geschrien wird, ohne zugehört zu haben. Die Karwoche kann eine gute Übung sein, das Zuhören zu lernen, um dann an Ostern das Halleluja jubeln zu können.

Erzbischof Dr. Ludwig Schick

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