Adventimpuls 8

Warten

Einer der längsten Tage in meinem Leben war der Tag, an dem ich zu meinem Professor an der Universität in Graz fuhr. In meinem alten, grasgrünen VW Polo raste ich über die „Pack“. Ich sollte meine Diplomarbeit abgeben und hing so richtig in den Seilen, da mein Prof mir mitteilte: „Kommen Sie abends nochmal, dann kann ich Ihnen sagen, ob Sie es geschafft haben oder nicht.“ Das war so gegen 11.00 Uhr. Ich bin ca. 150 Kilometer gefahren und jetzt saß ich auf Nadeln. „Wie bring ich den Tag rum? Was mach ich jetzt?“, dachte ich bei mir. So lief ich durch die Straßen. Ich erinnere mich noch gut, dass ich wahllos ein paar Schuhe für meine Mutter kaufte, die ihr dann natürlich nicht passten, weil sie viel zu groß waren. Ich ging sogar in eine Kirche. Ich kam mir vor wie bestellt und nicht abgeholt. Es hing viel davon ab. Ich hatte meine alte Wohnung in Klagenfurt bereits aufgegeben und der Umzug nach Bayern war in vollem Gange. Wenn ich jetzt auf der Zielgeraden scheitern sollte, würde sich die Beendigung des Studiums ungemein verkomplizieren.

Ich kaufte mir etwas zu essen, verbrachte ein paar unsinnige Minuten im Park und tänzelte den ganzen Tag zwischen Sein und Nichtsein. Ich hatte auch kein Handy, mit dem ich spielen und mich ablenken konnte. Also ging ich im Kreis – hierhin und dorthin – wahllos, ziellos, wie ein kleines Kind. Ich schaute auf die Uhr, aber es wollte einfach noch nicht Abend werden. Abgesehen davon, dass ich damals ja ganz jung verheiratet war. Ich rief auch nicht meine Frau an. Was hätte ich ihr auch schon sagen sollen?

Schließlich hielt ich es nicht mehr länger aus. Ich gab mir einen Ruck und ging direkt zum Haus des Professors. Ich weiß, dass ich lange läutete, bis er mir öffnete und sagte: „Wenn Sie kommen, glauben Sie wohl, dass alle Ampeln auf Grün schalten?“

„Ich wollte nur fragen, ob …“, stammelte ich, aber der Professor unterbrach mich mit den Worten: „Sie arbeiten äußerst kreativ, um nicht zu sagen verwirrend, aber Sie haben es geschafft! In drei Wochen ist die Diplomprüfung.“

Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Das Warten hat sich gelohnt. Ich war ja schon beim Hinfahren so nervös gewesen. Und unserer gemeinsamen Zukunft in Bayern stand somit nichts mehr im Wege und ich fuhr total erleichtert über die „Pack“ wieder nach Klagenfurt. Unterwegs hörte ich ungefähr 50 Mal das Lied: „Heast as net“ von Hubert von Goisern.

Christian Kuster, Großkarolinenfeld

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