Lehnert, Der Gott in einer Nuß

Christian Lehnert, Der Gott in einer Nuß, Fliegende Blätter von Kult und Gebet
Berlin (Suhrkamp), 2. Auflage 2017

Dieses merkwürdige (im wortwörtlichen Sinne) religiöse Buch scheint irgendwie in eine ruhelose Zeit gefallen. In eine Zeit, in der Religiöses naturwissenschaftlich als große Täuschung entlarvt zu sein scheint und Profanes quasi-religiöse Züge bekommt. In eine Zeit, in der hektische Kommunikation in sogenannten sozialen Medien jegliche Muße zu zerstören droht. Tatsächlich wie unzusammenhängende Blätter hebt man als Leser quasi diese vom Boden auf und liest seelsorgliche Erlebnisse eines Dorfpfarrers, hoch theologische Spekulationen über Gott und Kritisch-Liebenswertes über die Liturgie.

Letztere (der Autor ist Liturgiewissenschaftler) wird als nicht mehr notwendig bezeichnet in dem Sinne, dass mit liturgischen Ritualen kein furchteinflößender Gott mehr besänftigt werden muss, wie dies in früheren Zeiten der Fall war, sondern dass Liturgie freies Spiel in der Gegenwart Gottes ist. Dies erklärt auch, warum sich auf dieses Spiel nicht mehr viele Menschen einlassen: weil es so zweckfrei ist. Zwar verbringen viele Menschen heute ihre Freizeit mit (Computer-)spielen. Die sind aber nicht zweckfrei, sondern man kann durch sie ein höheres Level erreichen, wenn man gut genug ist. So dachte man früher im Grunde auch von Frömmigkeitsübungen bis hin zum Ablasswesen. Heute aber gibt es beim liturgischen Spiel nichts zu gewinnen, außer vielleicht eine mystische Versenkung und Leere, die der hohen Leere einer Kirche entspricht oder ein ichauflösendes Gemeinschaftsgefühl der Mitsingenden und Mitbetenden. Dies ist eine Entlastung für alle, die solche Gottesdienste vorbereiten und durchführen, weil diese Haltung befreit von Leistungsgedanken.

Einerseits. Andererseits fordert eine solche Sicht auch heraus, eine Liturgie zu feiern, die ästhetisch modern, d.h. zurückgenommen und inhaltlich unpädagogisch ist. Dies ist in der Tat eine zugegebenermaßen nicht ganz leichte Aufgabe für Liturgiefeiernde und Predigende. Und mitunter schwere Kost für die Teilnehmenden, die manchmal auch durchlitten werden müsse, so der Autor.

Die theologischen Gedanken Lehnerts haben es darüber hinaus in sich – und dies macht das Buch auch zu einem lesenswerten Buch für denkend Glaubende, das einem kritischen Verstand zugänglich ist. Ein Beispiel: Im Begriff „Gott“ sei der eingeschlossen, der ihn zu Gott mache, „indem er ihn anbetet bzw. ihm opfert. Ein ‚Gott‘ ist nicht an sich ‚Gott‘, sondern er wird es durch den Menschen.“ Auch dies kann ein Trost sein für jene in den verfassten Kirchen und Religionen, die angesichts leerer Kirchen resigniert haben und deren Missionseifer mit Appellen arbeitet. Dabei ist es immer das Individuum, das sich entscheidet, Gott anzunehmen als letzte Instanz seines Bewusstseins und Referenzpunkt seiner eigenen ihm angemessenen menschlichen Demut – die Grundlage christlicher Anthropologie schlechthin.

Manches bleibt dem Leser aber auch geheimnisvoll und unverständlich. Manchmal muss man auch resignieren vor allzu spekulativen mystischen Gedanken und auch skurrilen Geschichten, die dann wie aus einem Traum in diese Zeit gefallen zu sein scheinen. Aber diese manchmal auftretende Ratlosigkeit wird wettgemacht durch eine wunderbar poetische Sprache, die wohlüberlegt, sich aber ganz sanft zu Wort meldet. Nicht zufällig sind dem Autor schon einige wichtige Literaturpreise für Gedichte und Essays verliehen worden.

Bemerkenswert ist auch, dass Lehnert die Grenzen zwischen evangelischer und katholischer Liturgie verwischt, mit einer spürbaren Affinität zur katholischen Liturgie. Und es verschwinden die Grenzen zwischen „religiös“ und „profan“, zwischen „Wort Gottes“ und „Poesie“. Hier entfaltet einer ein Panorama eines sich vollziehenden Glaubens, der weniger ein Bekennen als ein Leben ist. Wieder ein merkwürdiger, aber theologisch sehr moderner Gedanke.

Dies alles ist nicht immer leichte Kost, aber, vielleicht in kleinen Etappen genossen, eine wunderbare Verlangsamung, ein Eintauchen in eine andere, aber immer auch die gegenwärtige Welt – kurz – ein Lesegenuss der besonderen Art.

Dr. Andreas Heek, Arbeitsstelle Männerseelsorge und Männerarbeit in den Deutschen Diözesen, Düsseldorf

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