Fastenimpuls – 5. Fastensonntag

Scheitern – o.k. Und dann?

In meinem Fall:

Trennung. Scheidung. Mit zwei Kindern.

Nächte ohne Schlaf und

Tage ohne Ruhe.

Der Boden unter mir schwankt.

Ideale und hohe Ansprüche sind zerstört und

mein Selbstwertgefühl bedroht.

Schuldgefühle kommen hoch und

die Angst, abgelehnt zu werden.

Quälende Gedanken

Kreisen ohne Ende.

Abgründe tun sich auf und

die Furcht abzustürzen…

 

Um die Frau im aktuellen Evangelium, Joh 8, 1 -11, steht es noch schlimmer. Ihre Gegner, die Moralapostel dieser Zeit, haben sie bereits in ihrer Hand. Sie haben ihr Urteil gefällt. Die Frau soll sterben.

Was mag in ihr vorgehen?

 

Und sie wollen Jesus provozieren bzw. vor ihren Karren spannen.

Was mag in ihm vorgehen?

 

Jesus behält erst mal die Ruhe.

Er reagiert zunächst nicht auf die Provokation der Pharisäer und Schriftgelehrten.

Und dann reagiert er anders als erwartet.

Er argumentiert nicht.

Er missbilligt – das erfahren wir später – das Handeln der Frau.

Und doch nimmt er sie gleichzeitig an, so wie sie ist.

Mit ihren Fehlern.

Er verurteilt sie nicht.

Er weiß, dass jeder Fehler macht.

Er weiß, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten das auch wissen.

Und er fragt die frommen Männer nach ihrem Handeln, ihren Fehlern…

 

Zurück bleiben die Frau und Jesus.

Und die Tatsache, dass keiner die Frau verurteilt.

 

Damit öffnet sich ihr der Weg zurück ins Leben.

 

Mir hat genau das auch geholfen. Dass Familienangehörige, Freunde, Kollegen und Bekannte einfach die Ruhe bewahrt haben. Dass sie ehrlich zu mir waren und mich nicht verurteilt haben.

  • Dass ein älterer Kollege meinte: Kümmere Dich jetzt um Deine Krise, und danach wird unser gemeinsames Projekt umso besser.
  • Dass mir mein Arzt Schlaftabletten gegeben hat – und mich dabei begleitet hat, davon wieder los zu kommen.
  • Dass meine Kinder gesagt haben: „Wir wollen aber keinen Wochenendpapa!“ Woraufhin wir vor fast 20 Jahren eine Lösung gefunden und gelebt haben, die heute viel diskutiert wird: Die halbe Zeit wohnen die Kinder beim Vater und die halbe Zeit bei der Mutter.
  • Dass mir ein Vermieter, trotz einiger Skepsis, eine schöne Wohnung für meine Töchter und mich vermietet hat.
  • Dass Freundinnen und Freunde zu mir gekommen sind, und mit mir gekocht, gebacken, gespielt, Fußball geguckt haben, geradelt, gejoggt und gewandert sind. Und was man sonst so alles in einer Familie macht.
  • Dass Kollegen mich zu neuen Projekten eingeladen haben.

 

Und heute ist das, was ich damals erlebt, erlitten und geschenkt bekommen habe, ein wesentlicher und unverwechselbarer Bestandteil meines Lebens. Der mittlerweile fruchtbare Humus, auf dem Neues wachsen konnte.

 

Übrigens: Die wichtige Differenzierung von „Billigen“ und „Annehmen“ habe ich erst letzte Woche im Büchlein „Die persönliche Berufung“ von Herbert Alphonso (Vier Türme Verlag, Münsterschwarzach) gefunden. Ein Handeln zu missbilligen, aber den Menschen und die Situation, in der er steht, anzunehmen, scheint mir eine zentrale soziale Kompetenz zu sein – zumal in einer so konfliktreichen gesellschaftlichen Situation, wie der unseren.

 

Tilman Kugler

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