Fastenimpuls – 1. Fastensonntag

Im vergangenen Jahr habe ich den Besteller „Homo Deus“ von Yuval Harari gelesen. Ich sah das Buch auf meinen Zugreisen immer wieder in den diversen Bahnhofs-Buchhandlungen aufliegen. Es schien nicht aus den Regalen verschwinden zu wollen. Eines Tages griff ich zu. Das Buch war spannend zu lesen. Ich stimmte zwar mit Hararis Sicht auf den Menschen überhaupt nicht überein, ohne dabei jedoch die Fakten leugnen zu wollen, die er kenntnisreich ausbreitet. Allerdings hatte ich am Ende der Lektüre auch eine wichtige Einsicht: Die Versuchung der Sterblichkeit ist die Unsterblichkeit. Biblisch gesprochen: Sein wollen wie Gott. (vgl. Gen 3,5)

Harari berichtet unter anderem von Versuchen milliardenschwerer Stiftungen und Unternehmen, die Lebenszeit von Menschen mit den Mitteln von Cyborgtechnik, und Biotechnologie nicht bloß erheblich zu verlängern, sondern die Sterblichkeit ganz zu überwinden. Das ist eine Vorstellung, die ich bisher nur aus Fantasy-Literatur kannte, zum Beispiel aus Clive Staple Lewis´ Roman „Die böse Macht“, und zwar als Horror-Vision. Doch es scheint sich tatsächlich so zu verhalten, dass man heute der Möglichkeit von Unsterblichkeit immer näherkommt und vor allem – was für mich entscheidend ist – näherkommen will. Das Projekt ist ernst gemeint. Das war meine Erkenntnis aus der Lektüre von „Homo Deus“.

 

Doch das führte mich zur Frage an mich selbst: Will ich denn unsterblich sein? Ist das für mich überhaupt erstrebenswert? Meine Antwort darauf stellte sich sofort klar ein, bis heute: Um Gottes willen – nein! Wie gut ist es, sterblich zu sein! Ja: Es gibt den schrecklichen Tod, den zu frühen Tod, den schlimmen Tod von Millionen in den Hungersnöten und auf den Schlachtfeldern dieser Welt, „Tod“ also als Folge der Sünde, wie es in Gen 3 beschrieben wird. Aber doch nicht die Sterblichkeit als solche! Mann und Frau sind von Anfang an „Fleisch“, Körper, also: Sterblich. Keine Hardware und keine Software kann „mich“ auf „sich“ übertragen. Mich gibt es nicht ohne meinen Körper, und mich soll es auch nicht anders geben. Der „Homo Deus“, der da mit viel Aufwand angedacht wird, karikiert die Schöpfung des Schöpfers, der mich als körperliches Lebewesen geschaffen hat. Ich halte dagegen: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar geschaffen hast.“ (Ps 138,14) Körperlich, sterblich. Und eines Tages werde ich meinen Geist zusammen mit meinem Körper „in deine Hände“ legen (Ps 31,6). Ich freue mich darauf. Gott ist größer als ich – Gott sei Dank.

 

Es ist nicht Erstrebenswertes daran, unsterblich zu sein. Es ist nichts Erstrebenswertes daran, so sein zu wollen wie Gott. „An dem Tag, an dem du von dieser Frucht isst“ – von der Frucht, deren Genuss dir Unsterblichkeit (vgl. Gen 3,4) verheißt – „wirst du sterben“ (Gen 2,17), wird dein Leben voll von Tod sein. Leben, wie es von Gott erschaffen ist, gibt es nur mit der Annahme der eigenen Körperlichkeit, und das bedeutet immer auch: der Annahme der eigenen Sterblichkeit – in Dankbarkeit sogar für die Sterblichkeit.

Klaus Mertes