Scheele, Geschlecht, Gesundheit, Gouvernementalität.

Sebastian Scheele, Geschlecht, Gesundheit, Gouvernementalität. Selbstverhältnisse und Geschlechterwissen in der Männergesundheitsförderung. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2010, ISBN: 978-3-897141-305-4. 139 Seiten.

 

Der im Herbst 2010 erschienene erste deutsche Männergesundheitsbericht hat das Thema der Männergesundheitsförderung wieder in den medialen Fokus der Öffentlichkeit gestellt. Auch die Männerstudie „Männer in Bewegung“ hatte im Jahre 2009 die Relevanz und Brisanz des Themas deutlich gemacht. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick in das vorliegende Buch von Sebastian Scheele. Es handelt sich dabei ursprünglich um eine Diplomarbeit im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, wovon noch der umständliche Titel und die doch primär auf ein Fachpublikum zugeschnittene und zuweilen arg komplizierte Sprache zeugt. Der Autor untersucht die Entstehung und Geschichte der Männergesundheitsförderung und analysiert die ihr zugrundeliegenden Diskurse. Er greift dabei auf Analyseinstrumente zurück, die von Michel Foucault entwickelt wurden. Wer an den theoretischen Grundlagen seiner Analyse (Kapitel 3) weniger interessiert ist, sollte als Praktiker resp. Nicht-Soziologe aber auf jeden Fall das zweite und vierte Kapitel studieren. Im zweiten Kapitel zeigt Scheele, dass zur Herausbildung einer spezifischen Männergesundheitsförderung vier Faktoren bestimmend waren: die Frauengesundheitsbewegung und -forschung, das Konzept des Gender Mainstreaming, die Schwulenbewegung und HIV-Prävention sowie schließlich die Männerforschung. Der eigentlich Männergesundheitsförderungs-Diskurs entstand in den 1990er Jahren und verzweigte sich an unterschiedlichen Orten: in der Wissenschaft, in Politik, Medien und in der Pharmaindustrie. Kennzeichnend für diesen Diskurs ist nach Scheele ein unverkennbarer Defizitansatz: Männer verhalten sich nicht gesundheitsbewusst, sind Gesundheitsmuffel und müssen daher durch geeignete Maßnahmen dazu gebracht werden, dieses defizitäre Verhalten zu verändern. Letztlich geht es darum, „ein Selbstverhältnis der permanenten Optimierung der eigenen Gesundheit zu entwickeln“. (S.110)

Für den Autor stellt dies in der Terminologie von Foucault ein „Element neoliberaler Gouvernementalität“ (ebd.) dar, das „auf verstärkte Selbstverantwortlichkeit der Subjekte für ihren Körper hinausläuft“. (S.17) Mit anderen Worten: Mann wird zur „Ich-AG“ in Sachen eigener Gesundheit. Dieses auf neoliberale Bedürfnisse ausgerichtete Konzept von Männergesundheits-förderung kritisiert Sebastian Scheele im Übrigen deutlich. Was aber wären Alternativen und wo wären andere Handlungsoptionen bei Akteuren im Feld der Männergesundheitsförderung, zu dem ich auch die Männerarbeit kirchlicher Provenienz zähle, zu finden? Vielleicht – so der Autor – benötigen Männer zunächst etwas Anderes, nämlich ein „‘Krankheits-Lernen‘ – ein Erlernen von Abhängigkeit, von Passivität, Verwundbarkeit und Geduld mit sich selbst.“

Trotz der wissenschaftlichen Schwerfälligkeit in Sprache und Duktus ein hochinteressantes und lesenswertes Buch.

 

Andreas Ruffing

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