Fastenimpuls – 4. Fastensonntag

Berufung. Meint: Nicht selbstgemacht.

Ehrlich soll er sein: der Fastenimpuls; erfahrungsgeschwängert, geistig bodenständig. Nun, da in unserer Kirche gerade mal wieder der Ruf nach Berufungen laut ertönt, auch und insbesondere auf dem gerade begonnenen Synodalen Weg, bleibt mir nichts, als zu gestehen: Ich scheue vor diesem Wort „Berufung“ zurück. Berufen sein? Bin ich berufen? Wenn es Berufene gibt, dann auch Nicht-Berufene. Wie Berufene und Nicht-Berufene in unserer Kirche zueinanderstehen, das zeigt der hierarchische Kegel, der die Berufenen nach Farben geordnet aufbaut. Dabei kommen die allgemein durch die Taufe Berufenen am schlechtesten weg. Ich bin als Priester Teil dieses Systems. Ich will es nicht sein, aber ich bin es wider Willen. Und ich mag in meinen Arbeitsbereichen noch so bemüht sein um einen demokratischen Diskurs; im Letzten bleibe ich Teil dieses Systems. Und dieses System ist krank, es ist alt und krank – und es macht krank.

In dieser Kirche haben Berufene ihnen Anvertrauten sexuelle Gewalt angetan, und andere Berufene haben sie gedeckt. In dieser Kirche, in der zwar keine blauen Augen Voraussetzung für einen Dienst in ihr sind und auch keine schöne Gestalt vonnöten ist, machen Kleider immer noch Leute, und diese klerikalen Kleider grenzen ab, grenzen aus, grenzen ein. In dieser Kirche, in der die verschiedensten Synoden sich fast schon einander die Hände reichen, wird Mitsprache zwar hochgeschätzt, die Entscheidungsbefugnisse aber liegen in den Händen weniger. Berufung ist strukturell verbunden mit Entscheidungskompetenz; und noch mehr: Berufung assoziiert ein Nähe- und Distanzverhältnis im vermeintlichen Wissen um das, was Gott will, da doch einige mehr Kompetenz zu haben scheinen, um den Willen Gottes zu wissen als andere. Deshalb scheue ich mich, das Wort ‚Berufung‘ mit Blick auf unsere Kirche zu benutzen.

Aber ist die Berufung zu einem Dienst für glaubende und suchende Menschen überhaupt an diese Kirche gebunden? Ich möchte sagen: Nein! Berufung hat nichts mit dieser verfassten Kirche zu tun. Berufung hat mit Gott und dem Menschen zu tun, unabhängig von Gestalt, Geschlecht, Konfession, ja sogar Religion. Berufung hat zu tun mit einer Hör- und Sehbereitschaft, zu erkennen, was nottut: was dem anderen, der Gemeinschaft, der Schöpfung nottut. Für mich muss ich sagen: Ich habe nicht Gottes Stimme gehört: ‚Geh, werde Priester‘. Zu mir wurde keiner geschickt, mich zu holen, geschweige denn, dass mir einer zugesprochen hätte, ich sei berufen. Aber ich glaube daran, und ich vertraue darauf, dass Gott mir im Nächsten begegnet und dass er mir im Nächsten zu vermitteln versucht, was jetzt und hier wichtig ist. Das Studium der Philosophie und der Theologie habe ich vor 45 Jahren begonnen, weil ich einen Menschen, einen Freund, ‚meinen‘ Heimatkaplan kennenlernen durfte, der genau so seine Berufung gelebt hat: Nahe bei den Menschen; wer nahe bei den Menschen ist, der ist nahe bei Gott. Diese Wahrheit hat mich fasziniert, denn bei diesem Menschen durfte ich das erfahren und spüren. Diese Erfahrung durfte ich selbst machen. Aber ich konnte sie nur so machen, weil sie mir von ihm geschenkt wurde. Und diese geschenkte Erfahrung, diese menschliche Begegnung schenkt mir Mut, macht mich stark und schwach zugleich und bewahrt mich vor einer Totalidentifikation mit dieser verfassten Kirche, in der ich immer noch lebe und arbeite, aber mit einer inneren Freiheit und mit Freimut.

Christoph Simonsen