5. Fastensonntag „Von Krankheit berührt sein“

5. Fastensonntag: Von Krankheit berührt sein, Text: Joh 11,1-45

Unser heute im Johannes-Evangelium im Zusammenhang mit der Auferweckung des Lazarus angesprochenes Thema handelt von Krankheit und Tod, aber auch von deren wundersamer Überwindung und der Hoffnung auf Gesundheit und Heil. Diese Begriffe und unsere – vielleicht speziell „männliche“ – Betroffenheit davon können, wie ich zeigen möchte,  auch neue, heilsame Perspektiven aufschließen.

Lebensbedrohende Diagnosen oder Todesnachrichten brechen oft plötzlich und schockierend über uns herein. Im heutigen Evangelium wird dieser Schock jedoch mit dem Satz relativiert, den Jesus dem todkranken Lazarus widmet: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Was kann das bedeuten? Freilich gibt es unwiederbringlich zum Tod führende Krankheiten, und das oft früher, als es uns lieb ist. Aber können Krankheiten, selbst todbringende, nicht auch heilsame Erschütterungen unseres Alltag bringen und bei den Betroffenen nicht auch substanzielle Veränderungen der Sicht auf das Leben, der Haltung gegenüber anderen Menschen, der eigenen Werte und selbst der Gott-Zugewandtheit bedingen – allesamt Faktoren, die letztlich „heilsam“ sind?

Anselm Grün war kürzlich in Innsbruck und hat in einem wunderbaren Vortrag u.a. den Unterschied zwischen Gesundheit und Heil betont: auch Kranke, ja selbst Sterbenskranke können demnach „heil“ sein, heiler vielleicht als so manche „Gesunde“, deren Körper noch funktioniert und deren Seele noch aushält, was heilloser Stress und Alltagshetze mit sich bringen. Selbst von schwerer Krankheit berührt, erlebte ich im vergangenen Jahr, wie eine lebensbedrohende Krankheit alles Bisherige durcheinander wirft, wie sie aber auch eine heilsame neue „Berührtheit“ von Mitmenschlichkeit, Zuwendung, von helfender Beziehung und Dankbarkeit ermöglichen kann: Haltungen, wie sie uns im Alltag der gnadenlosen Leistungsgesellschaft oft schon völlig abhandengekommen sind.

Die „Verherrlichung Gottes“ durch Krankheit kann somit auch gelesen werden als Besinnung auf jene Prinzipien und Gebote menschlichen Zusammenlebens, die die Welt für den Kranken und für alle Menschen wahrlich menschlicher, gerechter, heilsamer machen würden. Dies ist für mich der „irdische Anteil“, ganz unabhängig vom Jenseitsglauben, des Satzes: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird leben in Ewigkeit!

Vielleicht tun wir Männer uns dabei mit dem „Loslassen“ von alten maskulinen Haltungen und gewohnten „männlichen“ Mustern etwas schwerer: Leiden – insbesondere in einer leidensverdrängenden Gesellschaft – gilt an sich schon als wenig „heldenhaft“. Umso mehr aber ist es in der Lage, uns ein Stück näher an das Eigentliche des Lebens, von dem ganz viele Menschen betroffen sind, zu führen. Der auch schwache, hinfällige, sich seiner Endlichkeit bewusste Mann ist es dann, der sich selbst und Anderen dadurch näher kommt und damit ein Stück weit erlöst wird: „Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen“, endet diese Heilungsgeschichte.

Josef Christian Aigner, Innsbruck


Zum Weiterlesen
:

Anselm Grün:
Du kannst vertrauen. Worte der Zuversicht in Zeiten der Krankheit. Vier Türme Verlag 2017.

Ders.:
Kämpfen und lieben: Wie Männer zu sich selbst finden. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv) 2011.

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