Rathgeb, Schwieriges Glück.

Eberhard Rathgeb, Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe. Carl Hanser Verlag, München 2007. ISBN 978-3-446-20943-5. 160 Seiten, € 14,90.

 

Es ist Sommerzeit. Zeit, auch mal wieder in Ruhe ein Buch zu lesen. Eberhard Rathgebs Buch in den Urlaubskoffer zu packen, wäre dabei sicherlich nicht die schlechteste Wahl. In 52 kleinen Kapiteln erzählt der Autor, Kulturredakteur bei der FAZ, von sich selber, von seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Im Jahre 1959 geboren, ist sein Vater ein typischer Vertreter seiner Generation: „Wir hatten eine Mutter und einen Vater … Der (Vater) verließ morgens mit uns das Haus und kam abends zum Abendessen wieder zurück“ (S. 39). Über diesen für ihn doch irgendwie fremden Mann und die Tatsache, dass er sein Sohn ist, kommt er ins Nachdenken, als er selbst Vater einer Tochter wird. „Ich werde deswegen davon berichten und darüber erzählen, wie mir als Vater einer Tochter oder wie mir als Sohn eines Vaters zumute war, was ich dachte und was ich empfand“ (S. 10). Vorbei zieht damit zugleich auf kurzweiligen 160 Seiten eine sehr subjektive Kulturgeschichte der Väter (und Mütter) im Nachkriegsdeutschland. Sprachlich geschickt mit Worten jonglierend, manchmal jedoch auch arg bemüht wirkend in der Suche nach dem treffenden Wortspiel, nachdenklich, bewusst weitschweifend, durchaus witzig, zuweilen auch bissig, irgendwie anekdotisch und eigentlich ziemlich unzusammenhängend. Mehr Gedankensplitter als systematisches Durchdenken. Ein sehr privates Buch und vielleicht gerade deswegen ein sehr politisches Buch.

Ach ja! Und da ist Gerhart Hauptmanns Novelle vom Bahnwärter Thiel. Nach dem Tod seiner ersten Frau sucht dieser sich eine neue Frau und für seinen Sohn eine neue Mutter. Die Ehe mit der zweiten Frau, die bereits selber eine Tochter hat, endet in einem blutigen und tödlichen Desaster. Rathgeb führt im Grunde ein intensives Gespräch mit diesem literarischen Text. Ja noch mehr: Es ist – wie der Autor selber zugesteht – geradezu eine Therapiesitzung der besonderen Art: „Wenn man etwas über Beziehungen erfahren und lernen möchte, sollte man nicht sofort zu einem Psychotherapeuten rennen, sondern sich der Literatur anvertrauen“ (S. 9). Damit sind wir neben der Frage nach Vater und Sohn beim zweiten großen Thema, über das Rathgeb nachdenkt, nämlich das Verhältnis von Frauen und Männern. „Männer und Frauen – was für ein Wahnsinn“ (S. 107), heißt es an einer Stelle. Ein Punkt als Satzzeichen steht am Schluss. Kein erstauntes Ausrufezeichen, kein offen haltendes Fragezeichen. Punkt und Schluss. So ist es halt mit Frauen und Männern. Spätestens hier beginnen die kritischen Rückfragen an den Autor. Trifft sich das mit den eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen? Und ist Gerhart Hauptmanns bekannte Novelle wirklich die geeignete Geschichte, um heutigen Erwartungen an aktive Vaterschaft, an Geschlechterbeziehungen und Familienstrukturen in all ihrer Vielfältigkeit und Unübersichtlichkeit exemplarisch einen Spiegel vorzuhalten?

Neue Einsichten und wegweisende Erkenntnisse zum Thema Väter, zum Stand der Geschlechterbeziehungen und zur heutigen Situation der Familien liefert das Buch nicht, zumindest nicht für die, die sich beruflich oder aus privaten Gründen länger mit diesen Fragen beschäftigen. Und es liefert auch – und das ist gut so – keine fertigen Antworten zu den Fragen rund um diese Themen. Was bleibt also? Wie es der Untertitel schon sagt: ein Versuch über die Vaterliebe, geschrieben von einem Mann, dem Sohn eines Vaters und dem Vater einer Tochter, auf der Suche nach den Spuren des eigenen Vaters und der eigenen Vaterschaft, engagiert, subjektiv, angreifbar. Ein Buch freilich auch, das nicht en passant, sondern mit Muße gelesen werden sollte. Eine lohnende Lektüre für ruhige Lesestunden in der Sommerzeit. In der Tat!

 

Andreas Ruffing

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