Karfreitag

Vom Festhalten und vom Loslassen

Christus, der Hohepriester, ist in keiner Weise entrückt: er kann mitfühlen mit unserer Schwäche und hat durchgemacht, was alle Menschen durchmachen (müssen): schwere Erfahrungen, die ihn nicht zerstören, sondern weiterbringen auf seinem Weg. Grund dafür ist sein Gehorsam, die Beständigkeit, mit der er festhält an der Beziehung zu Gott, seinem Vater. Gehorsam macht deutlich, zu wem ich gehöre und wem ich gehorche. Das Kreuz wird so zum „Thron der Gnade“, zum dichten Zeichen der Zuwendung Gottes zu uns Menschen: festgenagelt und ausgespannt lässt Jesus sich selbst los, teilt die Sprach- und Ratlosigkeit der Menschen und vertraut sich Gott an. Er weiß, auf wen er hört, und er weiß, zu wem er gehört. Das rettet ihn aus dem Tod, so sagt es der Hebräerbrief: so eröffnet er den Weg aus dem Tod ins Leben für alle, die zu ihm gehören.

Auf dem Weg meines Lebens gibt es Situationen und Begegnungen, in denen ich loslassen musste. Da war immer der Beigeschmack des Sprungs ins Ungewisse: bei der Entscheidung, Priester zu werden, mit jedem Stellenwechsel, als ich als Militärpfarrer in den Einsatz gerufen wurde, die Herausforderung, von vertrauten Menschen Abschied nehmen zu müssen, sich auf neue Menschen und Neues überhaupt einzulassen. Die Gewissheit darüber, wohin ich gehöre und auf wen ich höre, hat mich getragen, auch wenn ich mir nie zu hundert Prozent sicher war. Sie hat mich gehalten, wenn ich den Sprung ins Ungewisse wagen musste. Beides erleben wir am Karfreitag: Jesus von Nazaret hat sich auf seine Gottesbeziehung festnageln lassen, und er ist trotzdem gesprungen: in die Liebe und das Leben, das Gott ist.

Die Sprünge unseres Lebensweges werden einmal in den großen Sprung münden. Im Blick auf Jesus werden sie zur Einübung für den entscheidenden Sprung durch den Tod in das Leben.

Hans-Joachim Wahl

Bundespräses Kolpingwerk Deutschland

Bildquelle: Kolpingwerk Deutschland/Marian Hamacher

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