Reiner Knieling, Männer und Kirche. Konflikte, Missverständnisse, Annäherungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN: 978-3-525-69001-7. 191 Seiten.

 

In der Theologie (auf ev. wie kath. Seite) herrscht, was das Thema Männer angeht, nach wie vor beredtes Schweigen. Ob in der Praktischen Theologie, in den systematischen Fächern oder den historisch-exegetischen Disziplinen, der Befund ist überall derselbe. Wenn theologisch über die Geschlechterfrage und über Geschlechterverhältnisse nachgedacht wird, spielen männerspezifische Fragestellungen eine doch untergeordnete Rolle. Wie überfällig und lebensnotwendig für die Zukunft unserer Kirchen aber eine solche Beschäftigung ist, zeigt Reiner Knieling, Dozent für Praktische Theologie und NT an der Kirchl. Hochschule Wuppertal/Bethel, im vorliegenden Buch in aller Deutlichkeit und mit hohem persönlichem Engagement für die Sache. Ausgangspunkt ist dabei seine Beobachtung, dass die jahrhundertelange Männerdominanz in der Kirche (im Blick hat er zunächst seine eigene, die ev. Kirche, aber die Diagnose gilt ja für die kath. Kirche genauso und vielleicht sogar noch stärker) nicht automatisch dazu geführt hat, dass männerspezifische Fragestellungen in Theologie und kirchlicher Praxis eine erkennbare und wirksame Rolle gespielt haben. Eher das Gegenteil ist zu festzustellen. Hier nun plädiert Knieling unter Rückgriff auf die Ergebnisse der Männerforschung in den Human- und Sozialwissenschaften und speziell auf aktuelle empirische Männerstudien dafür, Männerwelten und Kirchenwelten in einer „symmetrischen Korrelation“ (S.79) aufeinander zu beziehen. Wie das in kirchlicher Praxis und theologischer Forschung geschehen kann, demonstriert der Autor an ausgewählten Beispielen. Knieling beschreibt etwa, auf welche Weise zentrale Lebensthemen von Männern wie Leistung und Erfolg angemessen in kirchlicher Verkündigung und pastoraler Praxis gewürdigt werden können, öffnet den Blick für die Lebensrelevanz und die Reichweite biblischer Männergeschichten für Männer heute oder entwickelt Kriterien für „männerkompatible“ Gottesdienste. Kollegen, die in der ev. und kath. Männerarbeit tätig sind, werden sich bei den Beispielen sicherlich gut mit ihren eigenen Erfahrungen und Visionen wiederfinden und dem Autor in vielen Punkten zustimmen können.

Bei den kirchl. Männerarbeitern wird das Buch daher gewiss auf fruchtbaren Boden fallen. Freilich hat Knieling diese Gruppe nicht allein als Adressaten im Blick. Spätestens beim Lesen des Schlusskapitels mit seinen kirchenpolitischen Forderungen wird klar, dass der Autor sich gerade auch an die wendet, die an den Universitäten und Hochschulen wie auch in kirchl. Praxis Weichenstellungen für die Zukunft legen. Ihnen schreibt er ins Stammbuch, dass geschlechterbewusstes Theologietreiben aus Männerperspektive und eine männersensible kirchl. Praxis ganz nach vorne auf die Zukunftsagenda von Kirche und Theologie gehören. Dass die Botschaft dort auch ankommt und vor allem mit entsprechenden Konsequenzen gehört wird, bleibt für unsere beiden Kirchen zu hoffen.

 

Andreas Ruffing