Verena Kast, Vater-Töchter Mutter-Söhne. Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen (Kreuz Forum). Kreuz Verlag, Stuttgart 2005. ISBN 3-7831-2632-0. 277 Seiten, € 14,95.

 

Der Untertitel verrät präziser als der missverständliche Obertitel, worum es in dem Buch geht, das der Kreuz-Verlag nach der 2002 erschienenen gebundenen Ausgabe nunmehr als etwas preiswertere Broschur vorlegt. Dass Menschen Mutter- und Vaterkomplexe haben und diese sie in ihrem Erwachsenenleben behindern (können), so dass eine Ablösung notwendig ist, gehört ja mittlerweile zum scheinbar unhinterfragten psychologischen Allgemeinwissen. Gut daher, dass die so selbstverständlich gewordene Rede von den Komplexen im Buch ausführlicher konfrontiert wird mit dem dahinter stehenden Konzept vom Carl Gustav Jung. Dabei ist es erklärte Absicht der durch viele Veröffentlichungen zur Jungschen Psychologie bekannt gewordenen Autorin, sich „sehr ausführlich mit dem ursprünglich positiven Mutterkomplex (zu) befassen, zum einen, weil mir scheint, dass dieser zu sehr von der Diskussion ausgeschlossen ist, zum anderen, weil in einer doch sehr vom Vaterkomplex geprägten Welt sich zunehmend eine Sehnsucht zeigt nach Werten, die zum Mutterkomplex gehören und im Zuge der Abwertung des Weiblichen mit entwertet worden sind“ (S. 11). Das ausführliche Zitat macht im Übrigen auch den patriarchatskritischen Akzent sichtbar, der die gesamte Darstellung durchzieht.

Was sind aber nun eigentlich Komplexe im Jungschen Verständnis? „Komplexe sind spezifische Konstellationen von Erinnerungen aus verdichteten Erfahrungen und Phantasien, um ein ähnliches Grundthema geordnet und mit einer starken Emotion der gleichen Qualität besetzt“ (S. 36), antwortet Verena Kast und beschreibt von daher in Fallbeispielen (S. 49-247) acht Konstellationen von Mutter- und Vaterkomplexen (der ursprünglich positive Mutterkomplex bei Männern und bei Frauen, der ursprünglich positive Vaterkomplex bei Männern und Frauen sowie ihre jeweils negativen Varianten) und zeigt Wege der Ablösung von ihnen auf. In der Beschreibung der Komplexe lässt die Autorin vor allen Dingen Klientinnen und Klienten aus ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis zu Wort kommen. In einem Fall greift sie jedoch auch auf ein literarisches Zeugnis zurück, nämlich auf Franz Kafkas berühmten Brief an seinen Vater, mit dem sie den ursprünglich negativen Vaterkomplex illustriert (S. 217-237). An anderer Stelle, wo es um die Ablösung vom ursprünglich positiven Mutterkomplex geht, zieht Verena Kast Volksmärchen zur Deutung heran (S. 105-149). Ein knappe Zusammenfassung (S. 249-257) beschließt das Buch, in der nochmals die Notwendigkeit der altersgemäßen Ablösung von persönlichen Mutter- und Vaterkomplexen unterstrichen wird (S. 252-255).

Inwieweit das Konzept der Komplexe als analytisches Instrument in der Psychotherapie nun wirklich tragfähig ist und welche Geltung es überhaupt beanspruchen kann, bleibt für mich als Nichtfachmann nach der Lektüre der rund 250 Seiten allerdings völlig ungeklärt. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept – sieht man einmal von der verhaltenen Kritik an androzentrischen Elementen auch in der Psychologie von C. G. Jung (vgl. S. 23) ab – findet leider nicht statt. Sie ist wohl auch nicht zu erwarten von einer bekennenden Jungianerin.

So bleibt unter dem Strich eine durchaus spannende und anregende Lektüre, die für manche Leserinnen und Leser wohl auch zu einer nachdrücklichen Reise in die eigene Biografie werden kann.

 

Andreas Ruffing