Allan Guggenbühl, Hast Du mal Zeit für einen Streit? Wie Männer und Frauen fair miteinander streiten. Herder, Freiburg – Basel – Wien 2004. ISBN 3-451-28257-7. 189 Seiten, € 12,90.

 

Oftmals, wenn Männer und Frauen streiten, scheint sich die These zu bewahrheiten, dass sich die beiden Geschlechter im Grunde nicht verstehen können. In die komplexen psychologischen Persönlichkeits- und Beziehungskonstellationen, die sich gerade bei Konflikten offenbaren, Licht zu bringen, hat sich Allan Guggenbühl vorgenommen. Er ist Psychologe und Professor an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich.

In einem ersten Kapitel führt er in die Problematik des Streits ein. Meistens sind Erziehungsfragen, die gegenseitige Treue und Geld die Anlässe für Streit; aber auch das enge Zusammenleben in einer Beziehung bietet Konfliktpotential. Guggenbühl betont bereits hier am Anfang des Buches, dass unser Selbstbild trügerisch ist und sich davon unterscheidet, wie uns beispielsweise der Partner/die Partnerin sieht. Auf diese Grundeinsicht kommt er immer wieder zurück, da sich nur so das Problem des Streits verstehen lässt.

„Was Männer gegen Frauen haben“ und umgekehrt – die beiden nächsten Kapitel sind bewusst einseitig gezeichnet. Mit einem leichten Schmunzeln werden typische Situationen nachgezeichnet, wo man das jeweils andere Geschlecht nicht mehr versteht: Warum können Frauen keine klaren Entscheidungen fällen, sondern müssen Probleme weiter und weiter besprechen, wo ich doch schon eine Lösung parat habe? Warum können Männer ihre Gefühle nicht zum Ausdruck bringen?

Es gilt, die „Unterschiede zwischen den Geschlechtern“ (4. Kapitel) zu verstehen. Dazu vertritt Guggenbühl eine differenzierte Position: Die typischen Geschlechtsunterschiede kommen nicht nur durch die Sozialisation, sondern sie sind teilweise auch angeboren und treten individuell in unterschiedlicher Ausprägung auf. Auch wenn Männer und Frauen die Wahlfreiheit für ihre Lebensgestaltung haben, so kann man doch bestimmte geschlechtstypische Verhaltensmuster feststellen, deren Verschiedenheit Konflikte zwischen Männern und Frauen fördern können. Guggenbühl stellt unter Überschriften wie „Orientierung am Menschen oder Orientierung am System?“, „Freizeitgestaltung: Sensation versus Risiko“, „Sprachstile“ oder „Gefühle“ einige Bereiche vor, wo sich diese Differenzen zeigen.

Wie aber kommt es zu einem Streit, und wie entwickelt er sich? Das 5. Kapitel geht vom „romantischen Schwebezustand“ aus, der den Beginn einer Liebesbeziehung kennzeichnet; dabei idealisiert man den Partner/die Partnerin und blendet negative Persönlichkeitsmerkmale aus. Doch wenn die Verliebtheitsphase langsam zu Ende geht, kommen auch mehr und mehr die unangenehmen Eigenschaften des anderen und bisher verborgene Spannungen in den Blick; auch Konfliktpotentiale wie finanzielle Sorgen können hinzutreten. Doch oftmals bewirken immer noch Selbstbild und Romantisierung des Partners/der Partnerin, dass die ersten Anzeichen für einen Konflikt übersehen werden. Gerade Männer blicken über kleine Differenzen zuerst einmal hinweg und arbeiten in der ersten Konfliktphase nicht an der Beziehung. So entwickelt sich der Streit weiter: über offene Auseinandersetzungen zu „wüsten Worten und Verhärtungen“ und schließlich zur „handfesten Beziehungskrise“, wo sich die Partner (zumeist mit Worten) gegenseitig schwer verletzen. Guggenbühl zeigt typische psychische Verhaltensmuster (wie z. B. Opferhaltung) und Missverständnisse zwischen den Geschlechtern auf. Er sieht aber auch die Chancen der Beziehungsschwierigkeiten.

Dieser positive Blick bestimmt das letzte Kapitel, „Aufbruch zur Versöhnung“ überschrieben. Guggenbühl befasst sich mit der gegenseitigen Faszination der Geschlechter und gibt Ratschläge, wie eine Beziehung auch in der harten Realität des Alltags Bestand haben kann. Es gilt, neben der Liebesbeziehung eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen und den Mut zur liebevollen Auseinandersetzung zu entwickeln. Dabei können auch Rituale hilfreich sein.

Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben und gut lesbar, wozu auch die beispielreiche Sprache beiträgt. Unpraktisch sind die Endnoten; auch fällt eine Reihe von Flüchtigkeitsfehlern negativ auf. Das kann aber den alles in allem positiven Eindruck nicht trüben.

Guggenbühl ordnet das Thema „Streit“ in das Gesamt der zwischengeschlechtlichen Beziehungsdynamik ein. Dabei hat er vor allem Paarbeziehungen im Blick, bietet aber auch Hilfe für die alltäglichen Begegnungen von Frauen und Männern.

Das Buch ist kein typischer Ratgeber, d. h. es finden sich kaum ausdrückliche Ratschläge, sondern vielmehr Analysen und Erklärungen häufig anzutreffender Verhaltensweisen. Somit wird der wohl enttäuscht werden, der sich einen Lehrgang der Kommunikation zwischen den Geschlechtern erwartet. Wer aber mehr über die psychologischen Hintergründe der Beziehungsdynamik erfahren will, liegt mit diesem Buch richtig.

 

Martin Hochholzer