Tim Bürger, MännerRäume bilden. Männer und die evangelische Kirche in Deutschland im Wandel der Moderne (Geschlecht – Gewalt – Gesellschaft 5). Lit Verlag, Berlin 2006. ISBN 3-8258-8642-5. 310 Seiten, 24,90 €.

 

Nach den Arbeiten von Erich Lehner, Martin Weiß-Flache und Hans Prömper hat nun Tim Bürger eine Dissertation vorgelegt, die die kirchliche Männerarbeit und -bildung aus evangelischer Sicht in den Blick nimmt – bislang ein Desiderat.

Einleitend (0.2) nimmt er populäre Männerliteratur (Patrick Arnold, Robert Bly, Richard Rohr etc.) unter die Lupe, um sich dann im 1. Kapitel der sozialwissenschaftlichen Forschung zuzuwenden: Unterteilt in individual- und sozialpsychologische Zugänge verfolgt er tiefenpsychologische Vorstellungen von Geschlecht und Männlichkeit von Freud bis zur Gegenwart – und in ähnlicher Weise die soziologische Forschung bis hin zur großen Studie von Zulehner und Volz und zu den neuesten Entwicklungen. Sein besonderes Augenmerk gilt dem Habituskonzept von Bourdieu. Bürger kommt zum Schluss, dass man heute nicht „von einer Krise der Männlichkeit“ (S. 115) sprechen kann; vielmehr müsse man bei Männern zwischen Milieus, Lebensalter etc. unterscheiden.

Das zweite Kapitel widmet sich der Behandlung der Männerfrage in der evangelischen Kirche. Nachdem er die wechselhafte Geschichte der evangelischen Männerarbeit seit dem 19. Jh. nachgezeichnet hat, stellt Bürger wichtige theologische Arbeiten vor – die jedoch im protestantischen Bereich spärlich gesät sind. Auch deshalb geht ein Exkurs auf die oben erwähnten wichtigen katholischen Arbeiten ein. Tim Bürger will, wie er auf S. 200 schreibt, v. a. den Ansatz von Hans Prömper weiterführen. An bisherigen Ansätzen in der evangelischen Männerarbeit kritisiert er u. a., dass Männermachtstrukturen in der Kirche zu wenig beachtet werden und der Blick auf das bürgerliche Milieu verengt ist.

Im dritten Kapitel möchte Tim Bürger schließlich religionspädagogische Perspektiven entwickeln und macht sich auf die Suche nach möglichen Orten für (kirchliche) Männerbildung, nach „Männerräumen“, die er „grundlegend als die sichtbare, fühlbare und gestaltbare Leibes- und Lebenswirklichkeit von Männern“ versteht (S. 201). Wer sich aber konkrete Vorschläge – etwa für Angebote der Männerarbeit – erwartet, wird enttäuscht. Auch hier erweist sich Tim Bürger v. a. als jemand, der bestehende Aspekte männlicher Wirklichkeit und Männerarbeit ordnet und beschreibt. Er überwindet aber – gegenüber bisherigen Ansätzen – Pauschalierungen, indem er zwischen den verschiedenen Milieus und Lebensphasen unterscheidet. Besonders hebt er hervor, dass Männer nicht von oben herab, sondern auf gleicher Augenhöhe angesprochen werden wollen und dass sich gerade im Freizeitbereich neue Chancen für die kirchliche Männerarbeit auftun. Letztendlich wird aber vieles nur angerissen, bleibt allgemein oder beispielhaft. Das gilt auch für die biblisch-theologische Fundierung (3.1.1.1 und 3.1.1.2), die außer auf die priesterschriftliche Schöpfungserzählung (v. a. Gen 1,27) nur noch auf Gal 3,26-28 eingeht.

Die Leistung dieser Arbeit liegt m. E. vor allem darin, dass Tim Bürger das bisherige Nachdenken über Männer im deutschen Sprachraum und die aktuellen soziologischen Grundlagen zusammenfassend darstellt – und auch kritisch bewertet. Insgesamt also ein Buch, das als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung kirchlicher Männerarbeit dienen kann.

 

Martin Hochholzer