Böhnisch, Lothar, Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang. Leske + Budrich, Opladen 2003. 255 Seiten. ISBN 3-8100-3557-2.

 

Böhnisch geht davon aus, dass heute der „digitale, sozial entbettete Kapitalismus“ unsere Gesellschaft wesentlich bestimmt. Er entlarvt die Wege, auf denen sich die Wirtschaft den Menschen nach ihren Bedürfnissen „zurichtet“: konsumorientiert, mobil, jederzeit verfügbar und bereit, das Privatleben den Ansprüchen der Arbeit unterzuordnen.

Zwar hat der Kapitalismus in seiner historischen Entwicklung patriarchale, typisch männliche Rollenmuster integriert, doch in der abstrahierten Form können sie genauso von Frauen erfüllt werden, die Karriere machen wollen. „Die Wirtschaft braucht die Masse ‚Mann’ nicht mehr – auch so muss man die strukturelle Massenarbeitslosigkeit in Europa sehen – und lässt viele Männer mit ihrer über Generationen geprägten Männlichkeit allein. Sie braucht nur noch das männlich symbolisierte Prinzip der Externalisierung, des Wachstums ohne Bedenken, der Beschleunigung ohne Innehalten.“ (S. 50).

Gerade die Männer treffen die Folgen unserer Wirtschaftsordnung; während den Frauen durch Mutterschaft und Familie andere Identifikationsmöglichkeiten offen stehen, definieren Männer sich vorwiegend über die Arbeit. „Sie haben keine Distanz zu diesem industriellen System, sie sind in ihm aufgegangen. Die Außenbindung des Mannes macht ihn somit besonders anfällig für den Wandel der Arbeitsgesellschaft, ob er nun industriell zugerichtet oder sozial ausgeschlossen wird. Deshalb haben Männerverstörungen auch keine aktionistische Kraft, können wir nicht von Männerbewegung reden.“ (S. 90).

Bei der Bewältigung kritischer Lebenssituationen (Arbeitslosigkeit etc.) im Speziellen und der Unsicherheit über ihre Männerrolle im Allgemeinen brechen dann beim „starken Geschlecht“ längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster auf. „Der Rückfall in die archaisch-körperliche Maskulinität gehört zu solchen unbewältigten und wiederkehrenden Entwicklungsbrüchen, die unter der Decke aufgeklärter Zivilisation schwelen und immer wieder hervorbrechen.“ (S. 163). So zeigt Böhnisch am Beispiel des Rechtsextremismus junger Männer auf, dass die Abwertung anderer (Ausländer, Frauen) und die Bindung an die Gruppe die eigene Hilflosigkeit und Bedürftigkeit bewältigen sollen. Er plädiert dafür, Männer nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer zu sehen.

So viel zu einigen wesentlichen Inhalten des Buches. Es will keine Lösungen entwickeln. Böhnisch beobachtet und analysiert und setzt sich kritisch mit den Männer-Entwürfen anderer (z. B. Schwanitz und Brooks’ „Bobos“) auseinander. Dabei beweist er einen großen Überblick und kann auch Erfahrungen aus seiner eigenen Arbeit einbringen. Er setzt aber auch viel voraus. Das wird besonders deutlich, wenn er soziologisch-psychologische Fachtermini nicht oder für den Nicht-Fachmann nur ungenügend einführt. V. a. das sehr theoretische 1. Kapitel ist – auch von der Sprache her – äußerst mühsam zu lesen.

Doch wen das akademische Niveau und der mehr essayistische Stil – ein deutlicher Gedankengang oder roter Faden ist nicht erkennbar – nicht abschrecken, der findet vielfältige Anregungen zum Nachdenken: über verschiedene Formen von Genderarbeit und -literatur genauso wie über die Hintergründe und Bedingungen praktisch gelebter Geschlechtlichkeit. Für Böhnisch bleibt es am Schluss des Buches offen, wie sich die Männerfrage angesichts der ökonomisch-technologisch bestimmten Gesellschaft entwickeln wird.

 

Martin Hochholzer