Ulrike Bail u. a. (Hg.), Bibel in gerechter Sprache. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2. Auflage 2006. ISBN 3-579-05500-3. 2400 Seiten, € 29,95.

 

Mit Ausnahme des Papstbuches hat in den letzten Wochen und Monaten kaum eine theologische Publikation für mehr öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt als die von einem ÜbersetzerInnen-Kollektiv herausgegebene und von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau finanziell geförderte „Bibel in gerechter Sprache“. Alsbald nach Vorstellung des Werkes auf der Frankfurter Buchmesse im letzten Jahr brach ein Sturm der Kritik über die Übersetzung herein, was den Verkauf – so ist zu vermuten – wohl eher gefördert haben dürfte. Mittlerweile ist auch die EKD mit vielen ihrer Gliedkirchen auf Distanz zu dem Werk gegangen, das im Wesentlichen von evangelischen Exegetinnen und Exegeten der jüngeren Generation getragen ist. Aus der katholischen Exegese waren unterschiedliche Stimmen zu hören: Massive Kritik an der „Bibel in gerechter Sprache“ äußerten z. B. der Neutestamentler Thomas Söding in Christ in der Gegenwart 8/2007 und der Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger in der Herder-Korrespondenz 1/2007. Die Grazer Alttestamentlerin Irmtraud Fischer dagegen räumt in Stimmen der Zeit 1/2007 zwar massive Übersetzungsmängel ein, sieht aber dennoch in dem Werk eine „pastorale Notwendigkeit“ bzw. eine „notwendige Stimme im Konzert der deutschen Bibelübersetzungen“.

Dass die „Bibel in gerechter Sprache“ aus exegetischer Sicht zu kritisieren ist, steht auch für mich außer Frage. Die Gründe für die offensichtlichen Mängel sind vielschichtig. Sicherlich spielt eine große Rolle, dass viele, wohl zu viele an der Übersetzung beteiligt waren. Das alte Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei“ bewahrheitet sich auch hier. Damit hängt zusammen, dass die in der Einleitung genannten Vorgaben für die Übersetzung nicht immer von allen Übersetzenden stringent eingehalten wurden. Und dass man an vielen Stellen eher von Paraphrasierung als von Übersetzung sprechen muss, ist unübersehbar. Beispiele für all das lassen sich beispielsweise bei Kritikern wie Söding und Schwienhorst-Schönberger bequem nachlesen.

Und dennoch bleibt die Aussage von Irmtraud Fischer, dass trotz offensichtlicher Mängel die Bibel in gerechter Sprache eine notwendige Stimme ist. Aber für wen? Für Frauen? Für Frauen und für Männer? Die Übersetzung muss ihre Bewährungsprobe, dass sie die rechte Sprache für heutige Frauen und Männer findet (und erst dann kann wirklich von einer geschlechtergerechten Übersetzung die Rede sein) und zugleich die Grundintentionen der Schrift (vgl. nur die programmatischen Aussagen in der Einleitung auf S. 9) bewahrt, erst noch bestehen. Dies kann, ja sollte in der Bibelarbeit in Männer- und Frauengruppen – und erst recht dort, wo Frauen und Männer die Bibel gemeinsam lesen – geschehen. Gerade, weil die Übersetzung übliche Lese- und Hörgewohnheiten (besonders eindrücklich in der Wiedergabe des Gottesnamens) irritiert, lädt sie zur Auseinandersetzung mit dem biblischen Text und seiner Botschaft ein. Dass es dabei vor dem Hintergrund der Diskussion um die Grenzen und – wie manche meinen – Irrwege dieser Übersetzung einer fachkundigen Anleitung durch exegetisch geschulte Theologinnen und Theologen bedarf, steht für mich außer Frage. Wo dies allerdings der Fall ist, kann die Bibel in gerechter Sprache durchaus ein wichtiges Arbeitsinstrument in der bibelpastoralen Arbeit auch der Männerseelsorge sein.

 

Andreas Ruffing